Nie wieder war gestern

Von Milena Schiller

„Scheiß Juden!“

„Scheiß Juden!“ – ein Satz, von dem ich nie gedacht hätte, ihn jemals zu hören – schon gar nicht von jemandem in meinem direkten Umfeld, von einer Person, die ich liebe.

Dabei war ihm nur erzählt worden, wo ich seinen besten Freund zufällig getroffen habe, nämlich in einem israelischen Restaurant. Nicht „scheiß Israelis!“, nein, „scheiß Juden!“.

Es sind nur zwei Worte, aber sie haben ein enormes Gewicht. Sie haben Macht. Es sind Worte, die wieder über Leben und Tod entscheiden. Wieder. Nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Es ist der 7. Oktober 2023. Es war ein langer Tag. Meine Tochter war unterwegs und ich habe den ganzen Tag ausgemistet, aufgeräumt und geputzt. Ich starre ungläubig auf mein Handy. Israel wurde überfallen. Erst denke ich, das sei mal wieder einer der vielen Angriffe der Hamas, wie es sie schon so oft gab. Doch dann kommen die Fotos, die Videos und immer neue Hochrechnungen der Opferzahlen. Ich starre weiter auf mein Handy. Das Foto von Shani Louk auf dem Pick Up taucht auf. Ein Funken Hoffnung, dass sie noch leben könnte, macht sich breit, auch wenn mein Instinkt mir sagt, dass sie nicht mehr lebt. Ein junges Leben, ein Licht, ein Strahlen, Träume, einfach ausgelöscht.

Ich denke an ihre Eltern, an ihre Freunde und blanker Horror macht sich in mir breit. Es fühlt sich an, wie ein Alptraum. Das angsterfüllte Gesicht von Shiri Bibas, die ihre beiden kleinen Söhne Ariel und Kfir an sich drückt, erscheint auf meinem Bildschirm. Mein Mutterherz zerspringt in eine Million Teile. Ich hoffe, dass sie bald wieder nach Hause kommen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie starb am 21. Oktober 2025. Es ist kein Albtraum. Es ist die Realität. Als ich am Abend des 7. Oktober schlafen gehe, bin ich mir sicher, dass ich am nächsten Tag eine Welle der Solidarität mit Israel vorfinden werde. Ich selbst will mich nicht einmischen. Seit fast genau 2 Jahren bin ich raus aus der Politik und habe als alleinerziehende und Vollzeit berufstätige Mutter eines chronisch kranken Kindes genug um die Ohren. Eine Einstellung, die kurzlebiger nicht hätte sein können, denn schon am Morgen des 8. Oktobers holt die Realität mich ein. Statt der erwarteten Solidarität mit Israel, sehe ich ein Meer palästinensischer Flaggen, eine Flut der Solidarität mit den Palästinensern und einen Tsunami antisemitischer Posts in allen sozialen Netzwerken. Ich sehe Bilder und Videos feiernder Menschen auf deutschen Straßen, auf europäischen Straßen, weltweit. Verkehrte Welt? Ein Alptraum? Nein, die Realität.

Ich habe ein Déjà-vu. Ich sitze im Geschichtsunterricht in der 8. Klasse und höre „scheiß Juden!“, und frage mich, wie man Menschen so hassen kann und frage mich, wie es zum Holocaust kommen konnte. Wir sehen uns Bilder von Leichenbergen an, Bilder von Massengräbern, Erschießungen, Deportation, Selektion und ausgemergelten Menschen, die wie Skelette aussehen – kaum mehr am Leben. Wir lernen den Holocaust mit all seinen grausamen Facetten kennen. Plötzlich wird aus dem Déjà-vu eine Erkenntnis. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe das fehlende Puzzleteil gefunden. Ich weiß jetzt genau, wie es zum Holocaust kommen konnte. Ich verstehe es jetzt. Der Holocaust war nicht einfach nur ein Produkt seiner Zeit. Nicht nur das Ergebnis schwerer Zeiten. Der Holocaust war der grausamste Ausdruck kollektivierten, irrationalen Judenhasses, geboren aus Missgunst und Lügen. Lügen, die man sich auch heute noch erzählt, die man schon seit tausenden von Jahren erzählt. Lügen, die Leben kosten. Man hat nur das Wort „Juden“ durch „Zionisten“ ersetzt, um nicht als Judenhasser wahrgenommen zu werden, während man dieselben antisemitischen Verschwörungstheorien, Lügen und Propaganda verbreitet. Antizionismus ist der Wolf im Schafspelz, ein Trojanisches Pferd, das Antisemitismus, Judenhass, wieder in die Mitte unserer Gesellschaft gebracht und unter dem Deckmantel der Israelkritik und vermeintlichem Antikolonialismus wieder salonfähig gemacht hat. Nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Judenhass hat nicht nur im Dritten Reich Menschenleben gekostet, er tötet auch jetzt.

Das hat nicht nur der 7. Oktober gezeigt, sondern auch die vielen Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen: Der Mord an Sarah und Yaron in Washington D.C. und nicht zuletzt das grausame Massaker am Bondi Beach in Australien an Hanukkah. Und nach all dem höre ich „scheiß Juden!“. Nicht scheiß Israelis, nicht scheiß Zionisten, nein, scheiß Juden. Bezeichnend. Die Maske ist längst gefallen. In der Free-Palestine-Bewegung geht es und ging es nie um Gerechtigkeit und Frieden, es geht nur darum Juden zu vernichten, ohne sich dabei wie ein Nazi fühlen zu müssen, selbst wenn man Nazi-Dinge tut.

„Scheiß Juden!“ – auch wenn ich selbst weder Jüdin noch Israeli bin, der Satz tut weh, er ist bedrohlich und ich weiß, dass ich das Versprechen, es nie wieder zu einem Holocaust kommen zu lassen, einlösen werde. Nicht aus Schuldgefühlen, die hatte ich nie, oder einem Pflichtbewusstsein heraus, auch nicht wegen irgendeiner Staatsräson. Einfach weil es richtig ist. Meine Seele, mein Herz und mein Kopf sind im Einklang: „Nie wieder“ ist ein Versprechen, das ich nicht brechen werde, denn nie wieder war gestern, nie wieder ist jetzt und nie wieder ist morgen. Jede Stimme zählt. Meine Stimme zählt. Deine Stimme zählt.

„Scheiß Juden!“ – nicht mit mir.

„Scheiß Juden!“ – was ist mit dir?

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